
Holunderholz von Norbert Scheuer
Verlag: C.H.Beck
Seitenzahl: 265 Seiten
Historische Epoche: Nachkriegszeit
Schauplatz: Eifel
Erscheinungsjahr: 2026
Inhalt:
In Holunderholz* erzählt Norbert Scheuer von einem jungen Programmierer, der über ein altes Tonbandgerät einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur geht.
Nach dem Tod seiner Mutter versucht Johann, ein altes Tonbandgerät seines Großvaters zu reparieren. Was als technische Herausforderung beginnt, wird zu einer Suche, die ihn immer tiefer in die rätselhaften Aufnahmen hineinzieht.
Als Programmierer ist es Johann gewohnt, Fehler in Systemen zu finden – nun folgt er den Spuren einer Geschichte, die sich ihm nur bruchstückhaft erschließt. Die Tonbänder erzählen von einem ehemaligen Wehrmachtsobersten und einem stummen Mädchen, Rose. Zwischen Andeutungen und verstörenden Entdeckungen erkennt Johann Verbindungen zur verheerenden Explosion von Prüm im Sommer 1949.
Während er in seiner Gegenwart zwischen beruflicher Entfremdung und einer heimlichen Affäre mit der verheirateten Maria taumelt, verdichten sich die Hinweise: Welche Verbindung besteht zwischen seiner Mutter und dem mysteriösen Mädchen? Wer war Rose wirklich? Und was geschah in jenem Sommer?
Rezension Holunderholz
Hinweis: Holunderholz wurde mir kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bzw. diese Rezension wurde dadurch nicht positiv beeinflusst.
Norbert Scheuers Roman Holunderholz ist ein etwas anderer historischer Roman als die, die Mümmler hier in der Regel vorstellt. Das fängt schon dabei ein, dass diesmal ein junger Mann die Hauptfigur ist, zeigt sich aber vor allem darin, dass viele – auch wichtige – Ereignisse im Vagen bleiben und nicht abschließend geklärt bzw. auserzählt werden.
Auf den ersten Blick ist der Roman dennoch sehr klassisch aufgebaut: einem jungen Protagonisten fällt durch ein Vermächtnis ein Relikt aus der Vergangenheit in die Hände, mithilfe dessen er sich auf Spurensuche begibt und Licht in ein Familiengeheimnis bringen will.
Im Fall von Holunderholz ist dieses Relikt ein altes Tonbandgerät und das Geheimnis dreht sich um eine der größten Explosionskatastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte, nämlich der von Prüm in der Eifel – nicht zufällig auch der Geburtsort des Autors.
Doch in seiner gesamten Machart kann der Roman, der als Bericht der Hauptfigur Johann geschrieben ist, nur schwerlich als einfache Aufarbeitungsgeschichte verstanden werden, sondern stellt ein vielschichtiges Spiel aus mehreren, durchaus philosophischen Fragestellungen dar – konkret danach, was Erinnerung ist, wie sicher (und ob überhaupt) man Vergangenes greifen kann und vor allem auch danach, was Wahrheit ist und wie viel Fiktion und Aussparung in jedem Bericht über die Vergangenheit steckt.
Interessanterweise werden diese Fragestellungen im Verlauf der Handlung von Holunderholz gleich doppelt durchdekliniert: Zum einen in Bezug auf die Explosion, zum anderen aber auch in Bezug auf Johanns Bericht zu seiner Spurensuche, also dem Roman selbst.
Besonders deutlich wird dies bei Johanns Wiedergabe der gehörten Bandaufnahmen. Immer wieder sind dort Dinge bzw. Details enthalten, die unmöglich auf der Tonspur, also auditiv, transportiert werden können und die daher mit der Fantasie der Hauptfigur angereichert sein müssen.
So wird der in meinen Augen zentrale Aspekt des Buchs deutlich: Johann erfährt die Vergangenheit als fremdes Erzählmaterial, verarbeitet es aber individuell und schreibt es so unweigerlich um und verändert es. Das macht Holunderholz so wenig konkret greifbar, stellt aber zeitgleich auch den Reiz bei der Lektüre dar – sofern man sich darauf einlassen kann.

Ich fand diese Undurchsichtigkeit literarisch auf jeden Fall spannend, auch wenn sie notgedrungen eine gewisse Distanz zum Protagonisten und den sonstigen Figuren mitbringt und den Leser emotional nicht so mitnimmt wie andere Bücher. Man fiebert nicht mit Johann mit, sondern beobachtet ihn nur, wobei Johann selbst auch ohne Weiteres als Beobachter seiner eigenen Geschichte gesehen werden kann – ebenfalls mit einer gewissen Distanz zu dem, was er erlebt.
Dieser sachlichen Nüchternheit werden gerade in den Bandaufnahmen Passagen gegenübergestellt, in denen die Sprache plötzlich poetischer, bildhafter und manchmal fast traumartig daherkommt. Natürlich unterstreicht dies nochmal den Umstand, dass gerade hier die Fantasie des Protagonisten mit hineinspielt. Zudem fand ich den Kontrast aber gerade auch dahingehend spannend, dass er den Lesefluss des Romans nochmal auflockert. Durch diesen Wechsel bekommt Holunderholz nicht nur seine eigene Rhythmik, sondern auch die Melancholie, die den Roman auszeichnet.
Wie bereits erwähnt bzw. angedeutet, widersteht der Autor bewusst der Versuchung, die Geschichte vollständig aufzulösen – sowohl was die Gegenwartshandlung um Johann angeht, als auch in Bezug auf die Vergangenheit mit der Explosion und vor allem dem Schicksal von Rose, der klar mysteriösesten Figur im gesamten Roman.
Alles, was in der Nachkriegszeit passiert, aber auch die genauen Umstände um Johann in der Gegenwart, bleibt auch nach der Lektüre im Ungewissen und lässt sich allenfalls durch Andeutungen lückenhaft erschließen. Das passt zweifellos zum Thema des Romans und unterstreicht es nochmal auf der formalen Ebene.
Trotzdem blieb ich mit einem gewissen Unbehagen bzw. Unbefriedigung zurück, als ich die letzte Seite von Holunderholz inklusive Nachwort gelesen und das Buch zugeklappt hatte. Das heißt nicht, dass ich das Werk deshalb schlecht oder unausgegoren finde, aber auch dieses Gefühl gehört zu meinem Gesamteindruck des Romans.
Am deutlichsten zeigt sich dies in Bezug auf Rose. Gerade bei dieser Figur bleiben so viele offene Fragen, dass sich am Ende eine ganz andere Frage stellt: Gab es Rose wirklich oder ist sie eher als eine Allegorie für das Nachkriegsdeutschland zu verstehen oder als Projektionsfläche für Johanns Vergangenheitsaufarbeitung und die eigenen Hinzudichtungen, die dabei zum Tragen kommen.
Alles in allem halte ich Holunderholz für ein Buch, das die Grenzen und Genre-Gewohnheiten historischer Romane schnell hinter sich lässt und das man nur genießen kann, wenn man bereit ist, sich auf etwas anderes einzulassen – konkret auf eine Geschichte mit vielerlei Leerstellen, die man auch leicht als „nicht zu Ende erzählt“ bezeichnen könnte.
Tut man dies jedoch, wird man mit einer Lektüre belohnt, die atmosphärisch sehr dicht ist und die gerade wegen ihrer Leerstellen noch länger nachwirkt. Daher halte ich Holunderholz für einen gelungenen Roman, der durch seine intelligente, vielschichtige Struktur, eine stilistisch sichere Sprache sowie vor allem auch durch seine thematische Tiefe überzeugt.
Als Rezept zu Holunderholz habe ich einen Klassiker aus der Eifel zubereitet, sogenannte Knudeln.
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Zum Rezept: Eifel Knudeln


